Jazzpodium June 2003

Vassilis Tsabropoulos
Akroasis
ECM 1737 067 435-2

Der griechische Pianist Vassilis Tsabropoulos ist ein Grenzgänger. Er pendelt zwischen improvisierter Musik und klassischem Konzertrepertoire, zwischen der religiösen Musik seiner Heimat und dem Dialog mit Musikern aus aller Welt. Nachdem man ihn bisher durch seine Zusammenarbeit mit Arild Andersen und John Marshall (“Achirana“, 2000) kennen gelernt hat, veröffentlichte ECM eine Solo-CD des Griechen, auf der dieser byzantinische Gesänge in einen improvisatorischen Kontext stellt und dies durch eigene Kompositionen in dieser Tradition ergänzt. Er entreisst diese fast vergessene Klangwelt der griechisch orthodoxen Kirche der Vergessenheit, rückt sie ohne Substanzverlust in ein breiteres Sichtfeld, und gibt den alten Melodien damit neues Leben. Tsabropoulos lässt den melodisch schlichten Themen ihre Kargheit, zelebriert sie geradezu, indem er um sie herum wenig mehr als lockere Arpeggien, offene Voicings oder ostinale Begleitpatterns legt. Dies gleitet nicht in Simplifizierung oder Barpiano-New-Age ab. Die Einfachheit in Tsabropoulos' Musik ist gleichzeitig nämlich so expressiv und intensiv, dass sich in der Musik der Faktor Zeit völlig auflöst. Tsabropoulos erzeugt durch minimalen Aufwand maximale Intensität. Seine Anschlagskultur ist phänomenal, seine dynamischen Nuancierungen zeugen von tiefer innerer Ruhe. Die acht Titel bilden einerseits eine zusammenhängende Einheit, sind in sich aber auch ausdrucksstarke Stimmungsbilder. Außerdem formuliert Tsabropoulos bei aller Zeitlosigkeit auf den Punkt. Er benötigt gerade einmal 45 Minuten für diese Studie der Innigkeit, und ruft damit in Erinnerung, dass zu viele Künstler in Zeiten der CD Möglichkeiten mit Notwendigkeiten verwechseln. Viel Platz für viel Musik auf einer CD bedeutet eben nicht, dass man diesen Platz auch unbedingt lullen muss. Gespannt sein darf man auf die orchestrale Umsetzung der byzantinischen Hymnen, die Tsabropoulos derzeit vorbereitet.

Thorsten Meyer